Ulver Interview

ULVER
Wandel steht auf unserer wehenden Fahne

Text: Dominik Irtenkauf
Foto: Christian Tunge

Wenn der Wandel zur Identität gehört, kann es keine abschließende Definition einer Musikergruppe geben. Im Tierreich kennen wir das Chamäleon, das seine Hautfarbe bei Gefahr der Umgebung anpassen kann. Spricht man nun von der norwegischen Band ULVER, so stellt sich angesichts des Namens, der aus dem Tierreich stammt, die Frage, ob denn Chamäleon wirklich die passende Metapher für die Metamorphosen dieser Einheit wäre. Denn übersetzt heißt ULVER Wölfe. Aus der Wolf-Imago strickten die Mitglieder, allen voran Sänger Kristoffer Rygg, auch bekannt als Garm (was wiederum ein norwegisches Wort für Wolf ist), die Identität dieser musikalischen Kreation.

Macht man sich an die Vorbereitung eines ULVER-Interviews, so bieten sich weniger Fragen zum Line-Up-Wechsel oder zur Studiozeiterfahrung an, nicht weil sich da nicht genug getan hätte, aber ein Blick in die Landschaft zeigt, dass an beinahe jedem Baum, unter dem sich Hörer von kritischen Berufs wegen versammeln, diese Fragen an die Musiker geheftet werden. Welche wiederum nicht auf dem Erdboden geblieben sind, sondern in den Ästen hocken. Ob dies daher kommt, weil sie sich kurz vor dem Durchbruch befinden oder aber aus Angst vor der schreibenden Zunft, dies muss für heute erstmal ein Geheimnis bleiben.

Ulver in basement

(c) by Christian Tunge

Fakt ist, dass ULVER im Januar ein neues Album veröffentlicht haben. Vor zwei Jahren spielten sie dieses auf einer Europatour live ein. Ein ungewöhnliches Vorgehen, aber wie sich zeigen wird, genau nach dem Geschmack der instrumentell begabten Wölfe. »Wir mussten einfach raus gehen und diese Dinge vor allem für uns selbst machen. Uns entfernen, sowohl wörtlich wie auch im übertragenen Sinne. Das Album ist ein Ergebnis all dessen, was wir nach der Tour dann gemacht haben. Wir haben die besten Teile herausgenommen und etwas aufgepeppelt. Von Anfang dachten wir, dass wäre doch eine schöne Methode, um ein neues Album aufzunehmen. Wir wollten diese verschiedenen Gigs mitschneiden und später als ein Studioalbum zusammensetzen. Als wir uns auf den Weg machten, wussten wir selbstverständlich im voraus, dass es eine ziemlich riskante Unternehmung wäre. Wir waren uns auch darüber bewusst, dass es für einige Besucher verwirrend sein könnte. Doch wir mussten die Sache durchziehen, um unser neues Album zu generieren. Nun, da das Album veröffentlicht ist, macht sich ein gutes Gefühl bemerkbar, da man sehen kann, dass von Beginn an ein größerer Plan dahinter steckte.«

Möglicherweise wurde durch den Abschied vom Metal ein Herausforderungskomplex in Gang gesetzt, der nicht anders kann, als sich von der alten Gewohnheit zu verabschieden oder wie es Kris ausdrückt: »Wir wollen einfach nicht, dass ULVER zu einer Karaokeparty verkommt«, und lacht. Ein Weg, dies zu verhindern, wäre, möglichst viel Symbolismus und Bedeutung in die zu produzierenden Artefakte zu investieren.

Eine Strategie, die bei ULVER aufgehen könnte, denn wer nach dem Abschied aus dem Black Metal ein Album zur Vertonung von William Blakes epischem Poem »The Marriage of Heaven and Hell« veröffentlicht, der spielt mit Semantik. »Nun, alles hat Bedeutung, die Dinge, die Menschen tun, zum größeren oder geringeren Grad (lacht). Aber ich würde schon zustimmen, dass wir immer neben dem reinen Musikmachen einen Sinn in unser Schaffen integrierten. Für die Hörer scheint es offensichtlich, aber das gilt für uns auch selbst. In vielen Aspekten betrachte ich unsere Alben annähernd als Bücher oder Romane. Sie werden immer noch da sein, wenn wir längst verschwunden sein werden und an ihnen wird man unsere Qualität messen. Was den inneren Prozess als Gruppe und die Gruppendynamik angeht, so muss dahinter auch eine Absicht stehen – ein Grund für uns, diese Tour in Angriff zu nehmen. Lange Zeit spielten wir nicht live – die Arbeit im Studio gingen wir anders als sonstige Bands an, wir hatten einen anderen Zugang zur Labelarbeit, zum Musikgeschäft und zur Promotion im allgemeinen. Wir sind so ziemlich alle Dinge, ULVER betreffend, auf unsere eigene Art und Weise angegangen. Wir haben das bereits so lange gemacht, dass wir nun nicht einfach nach den Standards der Musikindustrie spielen können, oder uns am öffentlichen Interesse orientieren. Das ist nichts für uns.«

Exkursion in den Krautrock

ULVER stehen möglicherweise wieder einmal an einem Wendepunkt: von der reinen Studioelektronik zu analogem Feedback. Vor dem Publikum entwickeln sie Improvisationen im Krautrock, kehren zur Analogsensation zurück. »Bist nicht der erste, der uns darauf hinweist (lacht). Was kann ich dazu noch sagen? In der Band haben wir ziemlich viel aus dieser Zeit gehört, deutsche Musik aus den frühen 1970ern, auf Synthesizern oder Krautrock. Gruppen wie Kraftwerk, Can, Neu!, Amon Düül. Wir wollen sie nicht unbedingt kopieren, aber versuchen, diesen Vibe aufzugreifen. Ich denke, das kommt der Art und Weise, wie diese Bands spielten, näher. Vieles dieser Musik basiert auf Wiederholung, die Musik dieser Bands ist ziemlich repetitiv. Dieses Dadüdadüdada geht in einem fort. Das haben wir definitiv gestohlen.«

Auf dem aktuellen Album »ATGCLVLSSCAP«, das nach den Tierkreiszeichen benannt wurde, walzen ULVER genau diese Flächen aus, und man kann sich darauf fläzen.

Konzept versus Klang

Lyrisch greift Kristoffer bei den großen Dichtern ab, ein prominentes Beispiel war ULVERs Album aus dem Jahr 1999: »The Marriage of Heaven and Hell«, vertont nach dem gleichnamigen Prosapoem von William Blake. ULVER schafften es dabei, das Werk nach einer eigenen Betonung neu aufzunehmen. Kris Rygg sieht sich hier bestätigt: »Darüber nachzudenken, ist ziemlich faszinierend. Vielen Dank für dieses Lob. Ich denke, dass diese alten Dinge nicht überleben können, wenn wir nicht jüngere Botschafter hätten, die dieses Material herausbringen und es den nachfolgenden Generationen ins Gedächtnis rufen. Es quasi vorantreiben.«

Das Spiel mit Bedeutung und Kontexten beherrscht die Band, und doch bleibt ein gewisser Nachgeschmack auf der Zunge, hört man sich das Album an. Kein schlechter Geschmack, mitnichten, doch die Qual der intelligenten Musiker ist es stets, dass man nie genau sagen kann, wann sie sich Scherze mit dem Schreiber erlauben. Kris Rygg wirkt überzeugt, aber nicht aufgesetzt. Seine Interviewstimme streift die sonore Fülle seiner Gesangsstimme, unter dem Englisch ist der leise schwingende Klang der skandinavischen Muttersprache zu vernehmen.

Auf dem aktuellen Album kehrten die Musiker zur Musik selbst zurück. Es geht laut dem Sänger vor allem um die Faszination des Klangs. So lassen sich auch die weiten Flächen in manchen Stücken erklären.

Aber liegt unter dem Tierkreiszeichen-Titel nicht auch eine Kosmologie?

»Oh, eigentlich ist es eine poetische Art, 12 zu sagen. Es bezieht sich auch auf den trippigen, abgespaceten Charakter der Musik selbst. Eine Metapher aus der Astrologie passte da einfach. Aber ich möchte da gar nicht weiter bohren, denn letztlich ist es – wie bereits gesagt – eine kreative Art, 12 zu sagen. Es handelt sich keinesfalls um ein Konzeptalbum. Dabei möchte ich es belassen. Jetzt in Diskussionen über spirituelle  Magneten unter dem Kissen oder Silberwasser zu verfallen, wäre sicher nicht das Klügste (lacht).«

Verständlich ist es schon, nicht den kleinsten Klang als hyperbedeutend zu verstehen. Vielleicht ist das einzige ›Konzept‹ auf dem neuen Album der Weltraum. Wer einmal die Chance hätte, durch die Weiten des Alls zu fliegen, dem wäre – zumindest für den Anfang – die Sprache zunächst sekundär. Wichtig wäre: Aufnehmen und verarbeiten. Ob ULVER das mit »ATGCLVLSSCAP« beabsichtigten? Möglich wäre es. Sicher ist auch das nicht.

http://www.jester-records.com/ulver/ulver.html

http://houseofmythology.com/

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