Roerich Studie

Dieser Sonnenuntergang war unvergleichlich; ein früher Morgen im Himalaya entschädigte für alles Leid, Mißverständnis, Ärger. Er stand vor dem Zelt, der Spiegel hing am Stock und er rasierte sich. Vielmehr stutzte er seinen Schnurrbart. Im Manneshaar … dabei war er nicht in diesem Glauben zu Hause. Bereits in Sankt Petersburg bauten sie am buddhistischen Tempel. War stets so fern. Wenn am Abend die Sonne unterging, durch das Glasfenster schien, seine braunen Haare rötlich wohlig schimmerten, dann riefen sein Sohn Juri und die Gesellen aus: „Der Meister im Heiligenschein.“ Dann fühlte er sich zu Hause. In dem uralten Handwerk, im Dienst an den höheren Mächten, an einem Gott, der die Balance und nicht das Schwert brachte, der gute Taten lehrte und den Geist ansprach.

Die religiösen Fragen waren kompliziert. Mehr noch in der Gegenwart, in der alles Beständige zerfiel. Sie trafen sich mit Gleichgesinnten jeden Freitagabend. Um das Charisma zu bewahren, schwieg er häufig zu Details. Seine Frau Elene bestärkte ihn, denn sie hatte seit nun zwei Jahren Nachrichten erhalten. Neben dem Omelette lag jeden Morgen ein Zettel mit neuen Sätzen. Häufig ließen diese eine nachvollziehbare Grammatik vermissen. Es waren durchaus Wörter. Aber zuweilen so rätselhaft, dass er darüber meditieren musste. Das Yoga gehörte zu seinem Handwerk wie die Arbeit mit dem Pinsel oder Meißel. Nikolas arbeitete Stück für Stück am Großwerk. Selbst wenn er schlief, träumte er von der Heimat seines Meisters, er selbst ein Meister von Gesellen. Sie lauschten seinen Ausführungen, sie rührten die Farbe an, sie wiederholten seine Weisungen und sie sammelten Geld. Das Material verschlang Unsummen. Nikolas schlug sich manche Nächte um die Ohren, um die historischen Relikte möglichst getreu nachzubilden. Der Tempel sollte Zentrum der russischen Gemeinde werden. So fern noch. Im Land der Offenbarung. Vielleicht konnten sie im Auftrag dorthin reisen? Erst der Blick auf die Achttausender könnte seine Bilder dem Wesen der Gottheit öffnen. Oh ja, Elene sang bereits einen Hymnus. Ihre Stimme klang einer Nachtigall gleich, wenn sie sang.

Einer Katze (leider), wenn sie sprach. Und sie sprach viel. Er hatte sich daran gewöhnt. Wenn der Trichter immer wieder nachgefüllt wird – Lieblingsmensch der Götter – dann kann das Maul nicht geschlossen bleiben. Inzwischen hatte er die Mitschrift aufgegeben. Vor einer Woche ließ er sich ein Tonbandgerät ins Büro bringen. Hervorragender Apparat. Wenn seine Frau sprach, dann nahm das Gerät den buddhistischen Geist auf. (Auf ihrer Expedition ins gelobte Land sollte sich diese Entscheidung als lebensrettend erweisen. Wir wollen nicht vorgreifen. Nikolas denkt jedoch sprunghaft. Künstlerschicksal.) Buddha-Tapes nannte er sie und verwahrte sie im eichenholzschweren Schreibtisch im Arbeitszimmer, das sich in der Bibliothek befand, die sich derzeit etwas leerte, was damit zusammenhing, dass weder Nikolas noch Elene ausreichend liquide Mittel besaßen, um die großzügig geschnittene Wohnung zu bezahlen. Das waren Alltagssorgen. Nichts im Vergleich zu den Unterbrechungen in der Gott-Mensch-Kommunikation. Nikolas wusste, dass sie beide Recht hatten und die Zukunft zeigen solle, wohin der Weg führe.

Auf dem Dach der Welt

Im Himalaya thronte der Höchste über allen hohen Gipfeln. Höher als höchste Berge. Wolken umringten seinen jahrtausendealten Bart. Auf dem Kopf einen Turban. Mit wem und wie häufig er Gespräche führte, war nicht bekannt. Durfte es nicht sein. Denn ihn umflorte das ewige Geheimnis. Nun war es aber so, dass Nikolas’ Frau, Elene, seit ein paar Tagen Nachrichten vom Höchsten der Berge erhielt. Er nannte zu Beginn jedes Besuchs seinen Namen, sprach in vielen Stimmen und nahm dennoch Rücksicht auf Elenes Sorgen und Nöte. Wenn sie Magenschmerzen hatte oder Migräne, sprach er mit ihrer Sekretärin. Seine Botschaften waren meist so gewaltig, dass Elenes Kopf davon gesprengt werden könnte, wenn sie an einer Migräne litt. Durch eine subtile Vereinbarung suchte er in Elenes Krankenzeit ihre Sekretärin mit Botschaften auf. Da diese Steno beherrschte, wuchs so ein beträchtlicher Stapel an Live-Dokumenten an. Elene nahm sich lange schon eine Sichtung vor. Der Alltag jedoch hatte sie fest im Griff. „Und hell brennt das Morgenrot des Lehrers über ihm. Beeilt Euch mit all Eurem Geist die Befehle über die Gemeinschaft aufzunehmen, denn in ihnen liegt die Rettung unseres Planeten.“

Shekar Dzong 1928

(c) Nicholas Roerich Museum, New York

Rief Nikolas seine Frau zu sich, so fielen ihr die Augen häufig zu. Nikolas präsentierte ein neues Bild. Elene starrte apathisch in die Ferne. Nikolas war meist so sehr in seine Erklärungen vertieft, dass er ihren Blick erst merkte, als sie auf seine Gegenfrage seltsam lange schwieg. Er schrieb es dem Einfluss der Mahatmas zu. Elene stand in täglichem Kontakt mit den großen Seelen. Sie kritzelte auf Papier manch wirres Zeug, dann wiederum luzide Weisheiten. Hing von der Tagesverfassung ab. In der Presse aber, also es war so, dass Nikolas dringend die Finanzen aufbessern musste, als freier Künstler, als Visionär was ihm vorschwebte, das war unendlich mühsam, das zu präsentieren, offenzulegen, was in der Zukunft für diesen Planeten noch bevor stand. Aber sie wussten, dass sie auf der wissenden Seite schritten. Der Weg nach Tibet war vorgezeichnet. Tiefe Rillen in der Erde.

… wird fortgesetzt …