Okkulte Kunst Buchrezension

Heute möchte ich auf einen wichtigen Buchbeitrag hinweisen. Im Jahr 2010 schlossen sich der Herausgeber Alexander Graeff, ich und noch andere Autoren bzw. Künstlerinnen zu einem Verein zusammen, der sich die Beschäftigung mit dem weitreichenden Komplex okkulte Kunst zur Aufgabe machte. Im September 2019 wird sich der e.V. auflösen. Frucht des knappen Jahrzehnts ist der vorliegende Band. Jedoch stammt nur ein Teil der Beiträge von Mitgliedern des Vereins. Nichtsdestotrotz hat erst diese Art Arbeitsgruppe eine entsprechende Sondierung des weiten Felds ermöglicht.
Regelmässig erschien die Mitgliederzeitung Götterbote, sie war in überschaubarer Auflage ein erstes Testfeld. Wie wichtig Magazine für die Generation von Okkultismusforscher*innen ist, wird bislang gerne übersehen. Damit sind nicht unbedingt akademische Fachzeitschriften gemeint: in den späten 1980ern und frühen 1990ern entwickelten sich subkulturelle Szenen, die sich praktisch und theoretisch mit Okkultismen beschäftigen. Die verschiedenen Autor*innen kombinierten interessierte Lektüre mit einer Art „Selbstversuch“.
Ein Beispiel wäre die Tradition der Geistbeschwörungen. Denkbar wäre eine historische und textkritische Analyse der Überlieferung und zugleich das „Ausprobieren“ dieser Texte mit okkultem Inhalt auf ihre gnostischen und hermeneutischen Erkenntnisgewinne. Diese Einsichten aus der „Laienforschung“ vermisse ich im Buch. An ihnen könnte sehr gut herausgearbeitet werden, welches Verständnis von Wissenschaftlichkeit in den okkulten Szenen anzutreffen ist.
Graeff spricht in seinem einleitenden Aufsatz über die Schnittstelle bildende Kunst + Okkultismus. Das Verhältnis war nie selbstverständlich und die Marginalisierung okkulter Themen kommt klar zur Sprache. Die Beiträge verfallen nicht in einen apologetischen Ton. Also Erklärungen, warum Okkultismus lange nicht oder – dem eigenen Namen gerecht werdend – nur verborgen zum Kanon der Kunst gehörte, werden auf dem nötigen Maß gehalten.

Elementar bei einer ersten Annäherung an das Thema ist die Grundüberlegung, dass jede okkulte Kunst in der Praxis einen Bezug zum ursprünglichen Wortsinn von verborgen und geheim unterhalten müsste. Okkulte Kunst wäre demnach nie eindeutig, mitunter ambivalent. Inwiefern okkulte Kunst kanonischen Vorgaben höherer Ästhetik genügen muss, kann in dieser Besprechung sicher nicht bearbeitet werden. Ein Autor, der selbst immer wieder als Unterhaltungsschriftsteller bezeichnet wird, zeigt in seinen Werken, wie Beschäftigung mit Okkultismen zu einer Literatur führt, die nicht allein im Kunstkontext erzählt. Von Gustav Meyrink ist hier die Rede. Sein Roman Der Golem bietet mit Erzählweise und Stilistik textgnostische Angebote, die nach der Lektüre eine gewisse Vorstellung mystischer Spekulation hinterlassen. Wie das? … Ein elliptischer Stil lässt Raum für Interpretation; Meyrink schreibt in besagtem Roman in etwas anderem Stil. Das heißt, er fährt das sonst übliche blumige Schreiben auf ein Minimum runter. Meyrink gelingt es zudem, esoterisches Wissen und eigene Erfahrungen in den Plot einzuarbeiten.

Mein Beitrag Okkulter Sound. Über Narration von Hörbarkeit interessiert sich v.a. für Rockmusik mit einer Selbst- oder Fremdbezeichnung als „okkulter Sound“. Die Beispiele sind letztlich willkürlich, aber exemplarisch für einen Umgang der Musiker*innen und Hörer*innen mit okkulten Inhalten und … ja, die Frage stellt sich: Gibt es okkulte Klänge – und wenn ja, wie klingen diese und sind sie erkennbar als solche?
Dem Untersuchungsgegenstand nähere ich mich mit Gernot Böhmes Begriff von Atmosphäre. Im Buch begrüße ich die weitgehenden Einlassungen von Böhme auf den alltagssprachlichen Gebrauch von „Atmosphäre“, erkenne aber nun im nachhinein, dass ich damit etwas Vages wie die okkulte Kunst, die sich durch eine inhärente Vagheit auszeichnet, da „okkult“ auf das Verborgene, Nichtersichtliche hinweist, mit einer weitfassenden Begrifflichkeit zu erklären versuche. Der Beitrag müsste als eine erste Annäherung an ein sich ständig erweiterndes Feld verstanden werden. Nicht allein durch fortschreitende Produktionszusammenhänge – sondern auch durch die zunehmende Integration okkulter Kunstpraxis in „zahlreiche Ausstellungen und Buchveröffentlichungen der letzten Jahre“, wie der Klappentext zutreffend ausführt.

Die Verwendung okkulter Ideen und Inhalte in Rock- und Metalmusik erklärt sich aus der Geschichte der Genres. Interessant wäre nun, die im Beitrag formulierten Erkenntnisse auf andere Genres in der Popmusik zu erweitern. Bei einem Vortrag vor der MÄRZ-Gesellschaft e.V. in Berlin im Dezember 2018 band der Gastgeber Jörg Schröder meine Ausführungen zu den „Mythen des Metals“ in eine größere Diskussion mit dem Kommentar „Das sind doch letztlich Trivialmythen“ ein. 1970 brachte Renate Matthaei bei MÄRZ den Sammelband Trivialmythen heraus. Im Vorwort schreibt sie: „Der Plan war, mit diesem Buch die Rückkoppelung zwischen dem ‚fiktionalisierten‘ Environment und der Literatur zu erleichtern. Denn die triviale Künstlichkeit unseres Milieus, täglich als ‚Natur‘ (‚Leben aus erster Hand‘) proklamiert, fordert eine zweite Künstlichkeit heraus, die die erste verdoppelt und distanziert.“ (S. 327) Eine Seite später spricht sie von „Zivilisationsstimulantien“ (S. 328); das trifft durchaus auf die Musikszenen zu, wenn auch der Rekurs auf symbolische Ordnungen nicht unbedingt als „Leben aus erster Hand“ proklamiert werden kann, sondern als ideologischer Inhalt einer Genregeschichte. Ideologie meint hier, in gewisser Abwandlung von Adornos Urteil, eine systematisierte Auswahl von Inhalten und Bildern. Inwiefern Okkultismen des 19. und 20. Jahrhunderts als „Trivialstoffe“ bezeichnet werden können, bedürfe einer tieferen Analyse. Es gibt, gerade was Schriftsteller*innen angeht (Beispiele wären Gustav Meyrink, der auch im vorliegenden Band in mehreren Beiträgen berücksichtigt wird oder Franz Spunda), eine gewisse Nähe zu Unterhaltungsformaten der damaligen Zeit.

Hier kurz mal durchatmen und gerne Päuschen einlegen.

Die weiteren Beiträge im Band Okkulte Kunst behandeln andere Zeiträume. So wird die Amorspekulation in der italienischen Renaissance von Tobias Roth untersucht. Als Lyriker interessiert sich Roth für die Rezeption okkulter Denkinhalte im Modus des Poetischen. Ähnlich beschäftigt sich Carlos Idrobo mit Sappho, die ab einem gewissen Punkt nicht mehr als Dichterin, sondern als Symbol der eigenen Hermeneutik galt. Dadurch wird hermeneutische Lektüre zur eigenen Hermetik, also: zu einer okkulten Kunstpraxis, die aus der Beschäftigung mit dem Grenzwertigen resultiert. Das bedürfe auch weiterer Analyse, inwiefern sich ein Symbol zum okkulten Verständnis von Kunst verhält. Idrobos Beitrag zeigt hierbei ein erweitertes Verständnis: „Dreber macht mit der Bildkomposition die Negation des Lebens (Selbstmord, Tod) gerade explizit durch die Nicht-Darstellung des Gemeinten. Vor dem Hintergrund dieser Deutung mutet Drebers Bild ‚okkult‘ an, da er in der Dialektik von Leben und Tod, Hell und Dunkel, etwas zeigt, was nicht dargestellt wird, und so auf etwas Verborgenes aufmerksam macht, ohne inhaltlich im engeren Sinne etwas ‚Okkultes‘ zu bezeichnen.“ (S. 97)

Auf andere Weise spannend sind Beiträge, die sich eher essayistisch geben, so etwa Martin Weyers, der die Rolle des Mythos für die Moderne anhand mehrerer Beispiele darlegt. Weyers führt Francis Bacon und Lucas Cranach den Älteren als Bezugspunkte seiner eigenen malerischen Entwicklung an. „Mythos“ versteht er hierbei als eine Geschichte mit Bezug auf Okkultes und Transzendentes. Weyers stellt fünf Bilder gegenüber und erkennt darin, „was mit dem Aufbruch der Moderne verloren, aber auch, was gewonnen wurde“ (S. 109): Bacons Drei Studien zu Figuren am Fuß einer Kreuzigung, 1944 und Cranachs Das Urteil des Paris (um 1530) und Cranachs Judith mit dem Haupt des Holofernes (um 1530). Weyers geht von der konkreten Bildanalyse zu Wahrnehmungsmodalitäten über, die bis heute fortdauern: ein Spiel zwischen Imagination und Realität. Weyers, aber auch Rüdiger Sünner in seinem nächsten Beitrag zu Paul Celans Lyrik und den mystischen Motiven arbeiten nicht so sehr am Verständnis, was „okkult“ in Bezug auf Kunst bedeuten könne. Eine mögliche Definition ergibt sich durch die Analyse der besprochenen Werke. Die beiden Autoren arbeiten sich an den untersuchten Werken ab.
In seinem Beitrag arbeitet Sünner die Beschäftigung des Dichters mit kabbalistischen Denkfiguren heraus, verbindet diese auch mit Celans Biographie. Was aus existenzieller Erfahrung Celan zur Beschäftigung mit der Kabbala führt, zeigt sich bei Gustav Meyrink als Handlungsmotiv des Romans Der Golem.

Meyrink Autor
Gustav Meyrink

Wenn auch Prosa mit Lyrik schlecht vergleichbar ist, so ist die Positionierung des Beitrags von Elizabeta Lindner Kostadinovska direkt an Sünners Aufsatz zu Celan sehr gut gewählt. Was Sünner zur lurianischen Kabbala bereits ausführt, führt Kostadinovska am Beispiel des Meyrink-Romans fort. Sie geht gleich zu Anfang auf Zweifel ein, dass Meyrink pseudokabbalistische Quellen benutze.

Kostadinovska arbeitet an mehreren Zitaten und Quellennachweisen heraus, wie Meyrink im Golem eine Einführung in jüdische Mystik gestaltet. Klar ist der Roman nicht allein auf solche Quellen und Motive einzuschränken. Allein die Golem-Sage eröffnet ein weiteres weitreichendes Feld, bis hin zur heutigen Entwicklung auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz. Für den vorliegenden Band jedoch interessieren „Motive meist mystischer Provenienz“ (S. 147).

Die Möglichkeiten der im okkultistischen Medium angestrebten Selbstbetrachtung bespricht auch Ute J. Krienke in ihrer ausführlichen Untersuchung der „Schattenseiten und Doppelgänger“ in Psychologie und Literatur. In der deutschsprachigen Romantik finden sich da mehrere sehr gute Beispiele, wie Adelbert von Chamissos Peter Schlemihls wundersame Geschichte (1813) oder auch Die Reiseschatten. Von dem Schattenspieler Luchs (1811) von Justinus Kerner. Auch bei E.T.A. Hoffmann findet man ausreichend Doppelgänger und Schattenwesen. Konsequent führt Krienke zudem Sigmund Freud an, der mehrere literarische Beispiele als Quelle für theoretische Beobachtungen nimmt.

Hier gerne eine Pause einlegen. Im Web liest sich besser in Häppchen.

Etwas schade, dass Ute J. Krienke nur ein Beispiel für Gegenwartsliteratur (Paul Auster: Nacht des Orakels – 2003) nennt. Ein weiteres Spiegelpanorama im Sinne eines Doppelgängers stellt sich zum Beispiel im Posthumanismus, wenn die zunehmende Maschinisierung der Arbeitswelt auch Auswirkungen auf Menschen hat, ja die Entwicklung von künstlichen Intelligenzen und Androiden voran getrieben wird. Die Schattenseiten vom Menschen, wie Sterblichkeit, begrenzte körperliche Kraft und Ruhephasen, werden in posthumanistischen, mehr noch in transhumanistischen Manifesten als überholungsbedürftig proklamiert. Das Doppelgänger-Motiv durchzieht zudem die phantastische Literatur. Eine Analyse derselben hätte für die Terminologie von ‚okkult‘ weitere Aspekte zu Tage gefördert. Die Überzeugung, Magie habe psychologische und handlungsrelevante Effekte auf den Praktizierenden, ist in okkultistischen Kreisen stark vertreten. In phantast. Literatur werden anomale oder übernatürliche Kräfte als Einbruch in die Realität von den Figuren wahrgenommen. Die Uneindeutigkeit in diesen Texten macht ihren Charakter aus. Wenn diese Kräfte als real bezeichnet werden, dann verlassen wir das Terrain phantastischer Literatur. Diese Grenzfelder zu untersuchen, wäre ein lohnendes Unterfangen für einen ähnlichen Beitrag.

Der abschließende Beitrag von Anneke Lubkowitz untersucht okkulte (Text-)Praktiken und weist diese in Werken des 1955 geborenen schottischen Autors John Burnside nach. Selbiger beschäftigt sich ausgiebig mit Animismus, sowohl in Essays wie auch in seinen Romanen. Lubkowitz reflektiert die problematischen Implikationen einer Animismus-Definition aus postkolonialer Perspektive. Inzwischen wird „[i]m Rahmen der kritischen Auseinandersetzung mit der Moderne […] deshalb auch ein Verständnis des Animismus im Sinne eines Metabegriffs als ‚Spiegel und negativer Horizont‚ der Moderne möglich. Animismus wäre damit also zuallererst als Mittel einer negativen Selbstkonstitution der Moderne zu sehen.“ (S. 224-225) Allgemein wird Animismus als „Beschreibung von Praktiken [aufgefasst-D.I.], in denen Subjektivität bzw. Kultur die gemeinsame Grundlage von Menschen und Nicht-Menschen bilden, Bewusstsein also in einer Vielzahl äußerer Erscheinungsformen bzw. ‚Naturen‘ vorausgesetzt wird.“ (S. 225)

Lubkowitz setzt mehrere Zitate aus Burnside-Texten mit Vorstellungen einer Mensch-Nicht-Mensch-Natur-Umwelt in Verbindung; Burnside scheint hierbei die Abstraktion menschlicher Sprache mit materiellen Prozessen der Natur zu erden, wenn dies auch tautologisch klingt. In der Sprache fängt Burnside eine Umwelt ein, die angesichts der Industrialisierung, eines Postkapitalismus oder mehr noch: eines Weitermachens aufgrund Nichtbesserwissens oder großteils Ignorierens an den Rand gedrängt wurde und immer mehr wird. Das Thema ist aktueller denn je: Diese Woche machte das rasante Artensterben Schlagzeilen. Okkulte Praktiken könnten hier ansetzen und den Kontakt zu nichtmenschlichem Bewusstsein suchen – okkulte Texte bergen ausreichend Hinweise auf Entitäten, Prozesse, Erkenntnisse, die laut Eigenaussage nichtmenschlichen Ursprungs sind.

Hier gerne nochmals die Augen schweifen lassen. …

Abschließend sei nochmals auf die wichtige historische Einführung von Christoph Wagenseil hingewiesen: Wagenseil führt am Beginn des Bandes in die verschiedenen Mythosbildungen einer okkulten Denktradition ein. Eine Betonung des Alters („antiquity“) zieht sich durch mehrere Okkultismusdefinitionen, auch das „Arkane“, „Verschlossene“ bildet ein wichtiges Merkmal. Wagenseil weist nach, wie zum Beispiel Mircea Eliade mit seinen religionsgeschichtlichen Büchern weltanschauliche Programme verfolgte, die von einer Zeit hinter der Zeit sprechen.

Mircea Eliade Briefmarke

„Den“ Okkultismus gibt es nicht. Je nach Zielrichtung rücken verschiedene Aspekte in den Vordergrund. Persönlich bringt die Beschäftigung mit okkulter Kunst ein besseres Verständnis „häretischer Polyphonie“ – sei ein Gedanke, eine Theorie noch so abstrus, bei genauerer Betrachtung und einem Bewusstsein für „deviante, inoffizielle und verborgene Seiten des Kunstwerkes und seiner sozialen Dimensionen“ (Klappentext) zeigt sich, dass Geschichte durch Geschichten geschrieben wird und sich Umwege durchaus lohnen – frei nach William Blake.

Es zeigt sich am Ende der Besprechung, dass eine Beschäftigung mit dem Thema trotz andauernder Forschung ein weiterhin großes Feld ist. Jeden der Beiträge könnte ein/e interessierte/r Leser*in fortsetzen, weil eben okkulte Kunst nie bloß „antikes Erleuchtungswissen“ ist, sondern auch ästhetisch reizvolle Selbstvergewisserung, was in Sprache, Ton und Bild machbar sei. Die Kunst also von ihren Grenzen her zu denken. Sich selbst als Leser*in in die Subtilitäten einzuarbeiten, denn Wissenschaft zu okkulter Kunst ist immer auch Selbstvergewisserung der eigenen phänomenalen Konstitution.

Alexander Graeff (Hg.)
Okkulte Kunst
Bielefeld 2019: transcript [Reihe Image; Bd. 155]
ISBN 978-3-8376-4763-1
34,99 €, Paperback
https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-4763-1

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