Krukenberghand von 1951/52

Mechanisch, hölzern, Schrauben halten die Gelenke. Man fühlt sich an Doktor Frankenstein erinnert, wie er seinen Namen mit dem Monstrum vertauscht. Wie er sich des Nachts auf die Friedhöfe schleicht und dort den Seelenfrieden stört. Mit einem Spaten und einem Beutel. Dann schleicht er sich mit seiner morbiden Beute weg. Noch ahnt er nichts von der Meute, die vor seinem Gemäuer stehen wird. Ihm Gewalt androht, weil er sich gegen das Leben stellt. Frankenstein – ein irregeleiteter Wissenschaftler, der zu tief in die Reagenzflasche geschaut hat?

Die Krukenberghand ist eine Prothese. Ersatz für den abgeschlagenen oder entzündeten Arm. Wie damals eine weitere literarische Figur, eher: eine zur Literatur gemachte Person, also der Götz von Berlichingen seine Streithand aus Metall erhalten hat. Furchteinflößend allemal. Vor allem aber funktional. Denn mit einem Arm lässt sich schlecht weiter streiten. Die zweite Hand war aber für eine Lanze untauglich. „Mit ihr konnte man lediglich die Zügel halten oder Spielkarten.“ Immerhin.

Komme auf die Krukenberghand zurück. Der Krukenberg-Arm ist ein gefühlsintakter und aktiv beweglicher Greifarm in Form einer Zange, die die Hand ersetzt. Das Foto zeigt einen Mann, der den Hammer auf dem Armstumpf sitzen hat. Mit der intakten linken Hand hält er den Meißel, der Hammer schlägt mit dem Krukenberg-Arm darauf. Er arbeitet in der Werkstatt. Ziel der Kriegsprothesen war: Die Männer wieder zur Arbeit zu führen.

Doch wirkt es surreal, neben der Realität, wenn die Männer mit ihren Krukenberg-Händen, die doch Zangen sind, an die Holzbank treten. Hummermiliz? In der Arbeit zählt der Erfolg. Aber zu Hause im geehelichten Bett? Die Frauen starren auf die Krukenberghände. Oh Gott! Karl, was ist aus dir geworden? – Ein Mensch. Ich kann wieder greifen, begreifen, wofür es sich zu streiten lohnt. Die Frau verdrückt eine Träne. Schüttelt den Arm, sieht die rosarote Hand. Geht zum Fenster, öffnet es. Damalige Zeiten.

Krukenberghand kommt von Hermann Krukenberg (1863-1935), einem Chirurgen. Heute besitzt diese Hand aus Zinkblech, Eisen, Leder, Kupfernieten, Nussbaumholz, Gummiband, Fingerkuppen von Daumen, Zeige- und Mittelfinger aus Gummi noch ihre Vorteile. Aber die Frau fragt: Hättest du dir keine Kunststoffhand holen können? Der Mann schaut sie an, dann die Zange aus und in der Hand und geht ins Wohnzimmer, um dort mit der rechten Hand das Gemälde aufzuhängen, das ein Freund aus Frankreich mitgebracht hat.

Artikel zu Prothesen der Zukunft bald auch in Ihrem Lichtspielhaus.

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