Station Schwarzwald

Sankt Georgen Bahnhof

Um das Thema Smart City von der anderen Seite aufzusatteln, begebe ich mich in den Schwarzwald, in eine Kleinstadt, in der letztes Jahr die Dual Sessions #1 stattfanden. Die grobe Idee war, ländlichen Raum mit Popkultur zu verbinden. Das Problem der Infrastruktur betrifft nicht allein die Gesundheitsversorgung, da die studierten Mediziner nach dem Examen vorwiegend in die Metropolen ziehen, um dort eine Praxis zu eröffnen oder in einer Klinik zu arbeiten. Ein gewichtiger Grund wird der Anschluss an das kulturelle und ökonomische Leben sein. Die Unterversorgung durch Ärzte und medizinisches Fachpersonal hängt auch davon ab, wo die Uni-Abgänger Anschluss an die globale Kultur erhalten.

Die Patienten werden auf dem Lande nicht weniger. Das Durchschnittsalter nimmt zu, da die Jungen in die Städte ziehen. Manche Dörfer wirken entvölkert. Der Humangeograph Gerhard Henkel schrieb ein Buch „Rettet das Dorf!“ und das Ausrufezeichen macht deutlich, wie akut Handlungsbedarf besteht.

Wer auf dem Lande lebt, kann einen bestimmten Kulturteil in Anspruch nehmen. Dörfliche Kultur hört sich nach Vereinswesen, Pastoralidylle, Rückbesinnung, back to the roots an. Also auch cool? Jugendlich? Kommt ganz darauf an – wenn es um Kirche, Schützenverein, Volksfest und Kirchweih-Jahrmarktstreiben geht, dann teilen sich die Meinungen. Für die einen ist das gelebte Kultur, mehr noch: gelebte Tradition und eine Geborgenheit in der Heimat. Für die anderen klaustrophobische Zustände: eine soziale Enge korrespondiert mit einer räumlichen Weite. Wenn die Interessen der Einwohner sich in einer überschaubaren Zahl von Aktivititäten aussprechen, dann kann das ein junges Mitglied dieser Gemeinde als einengend empfinden. Es stimmt durchaus, dass Gemeinden, Dörfer, Kleinstädte eine Vielfalt an Vereinen besitzen, doch wenn der betroffene Mensch ein Interesse an Popkultur besitzt, hilft ihm der Gesangsverein oder Kleintierzüchterverein nicht weiter. Wenn man annimmt, dass der Gesangsverein vorwiegend deutschsprachiges Liedgut singt und nur sehr vereinzelt Musicalstücke oder gar Popsongs intoniert.

Aber es ist gar nicht so verkehrt, in diesen Schwarzwald zu reisen, dort zu verweilen und Kultur zu suchen. Mit einem funktionierenden WLAN ist der Anschluss schnell gemacht. Da ist es ja völlig egal, ob du in Sankt Georgen oder New York sitzt. Die Umgebung ist jedoch eine andere. Mit der Kultur im ländlichen Raum ist es zudem anders, als wenn du jetzt keinen Supermarkt mehr im Ort hast. Die Versorgung mit Lebensmitteln ist für den Popkulturinteressierten genau so wichtig wie für den Rentner. Die Diskussion, welcher Einzelhandel auf dem Lande anzutreffen ist, firmiert unter dem Titel „Versorgung mit Waren des täglichen Bedarfs im ländlichen Raum“. Manch einer wird sagen, dass für ihn Kultur auch eine „Ware des täglichen Bedarfs“ sei, wenn man von den Implikationen des Begriffs einer Ware absieht. Roger Behrens hat in mehreren seiner Texte mit teilweise Rekurs auf die Kritische Theorie die Warenhaftigkeit von Popkultur ausgestellt. Kann man dann Popkultur als Ware neben die Lebensmittelversorgung stellen?
Kultur als Ware kennt vielfältige Ausprägungen: Das fängt u.a. bereits bei der Produktion an. Entsprechend werden in der Musik die Produzenten ausgewählt, die Gastmusiker, das Artwork, die Story, die eine Platte begleitet. Nun stelle man sich eine solche Vermarktung im Schwarzwald vor. Sicher, eine zeitgenössische Band könnte den Schwarzwald wählen – das Titelbild besteht aus pink gefärbten Schwarzwaldbaumwipfeln, und auf dem Backcover die Band irgendwo an der Tankstelle, dem Plattenbau der 70er Jahre oder vor einem Fachwerkhaus mit Kuckucksuhrenromantik – das Schwarzwäldlerische-Heimatkundliche in Pop Art überführt, mit ner grellen Farbe aufgepeppt oder in Verbindung gebracht mit einer kommerziellen Traditionsmarke wie Coca-Cola oder Lucky Strike. Das Album hört auf den Titel „Schwarzwald“ und musikalisch werden Saxofonspielereien mit Midtempo-Rock geboten. Um es noch extravagant zu machen, treten ab und zu Zitherspieler auf. Die zitternde Zither wird von E-Gitarren begleitet – es klingt ein wenig wie Radiohead auf Badisch. Der Name der Band ist Es könnte jeden treffen…

Vielleicht ist es auch ganz anders, wenn man sagt: Kultur im Schwarzwald.
Auf der Lichtung im Frühjahr sitzen, die Sonne scheint, das Buch liegt gut in den Händen und während die Vögel zirpen und der Hirschvogelhase zum Sprung ansetzt, sieht man seitlich, wenn der Leser von der Seite aufblickt, die Zukunft. Wie sie sich aus Jahrhunderten in den Schwarzwald formt.
Vielleicht so?

Fortsetzung folgt …

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.