Metal aus Afrika

Am 4. September 2017 landeten wir in Namibia – das sind Marcel Bisevic, Kurator beim Kampnagel, Sascha Brosamer, Gitarrist bei S&M, Manuel Schaub, Schlagzeuger bei S&M und ich, Dominik Irtenkauf, Journalist. Unsere Aufgabe, wollte schon „Mission“ schreiben, war: eine Death-Metal-Band in Botswana zu besuchen und mit ihr zumindest einen Song zu schreiben. Metalmusik kann man als globalen Sound beschreiben; in beinahe jedem Land findet man mindestens eine Band, die sich in den Metal-Soundstrom integriert. Die Forschung zu den globalen Strömen und Stürmen nimmt zu.

Session Windhoek Namibia September 2017

Afrika taucht seit den 2000er Jahren vermehrt auf der globalen Soundkarte des Heavy Metals und seiner Subgenres auf. Spärliche Infrastruktur vor Ort erschweren die Gründung und Aufrechterhaltung einer Band. An passable Instrumente zu kommen, kann zu einer langwierigen Angelegenheit werden, wenn die Musiker ins benachbarte Südafrika fahren müssen, um dort Gitarren und sonstiges zu kaufen. Ganz zu schweigen von einer Presse, die über diese Musik berichtet. Große Bedeutung besitzen digitale Kanäle, sofern die Netzbedingungen in den Ländern annehmbar sind. In Botswana wie in Südafrika gibt es einen guten Netzempfang, zumindest in den Städten, wo wir uns meist aufhielten. Statt sich den Kosten einer CD-Veröffentlichung auszusetzen, gehen vermehrt Bands zum Streaming ihrer Musik über. Zumindest, bis die Finanzen für eine solche Veröffentlichung aufgetrieben sind. Die Frage, wie und v.a. wie lange eine CD von Botswana nach Deutschland kommt, erübrigt sich mit dem Webstreaming. Instant gratification.

Die Reise selbst bestand aus einer Mischung von Routine und Abenteuer. Warten auf den Bus oder Fahrer, manchmal auf Musiker und manchmal auf Einfälle wechselt sich mit Treffen mit Locals ab.
Einige Erlebnisse waren ziemlich neu, was den Blick auf den altbekannten Global-Sound Metal veränderte. In einer Bar in Maun, im Norden Botswanas, spielte die Band vor dem Lokal. Die Anwohner machten mit. Sie hatten mit den Musikern, den Verantwortlichen zuvor gesprochen. Punkt Mitternacht war dann Schluß. Die Tanzbewegungen zu der (klassischen) Heavy Metal-Musik – etwas Led Zeppelin, etwas Judas Priest – waren speziell. Mit rudernden Armen, Moves in die Knie und stark sozial ausgerichtet. Ich, der ich unter diesen Botswanern nicht tanze, werde aufgefordert, mit Händen dazu animiert, gezogen zum Tanz.

Der große Unterschied zur heimischen Metalszene liegt v.a. darin, dass es keine festen Orte gibt. Man findet in Ghanzi, Maun oder sogar in der Hauptstadt Gaborone keine festen Klubs oder Hallen, in denen regelmäßig Konzerte stattfinden. Für das jährliche Overthrust Metalfestival, das die Band organisiert, mieten sie jeweils andere Hallen an. Am selben Abend besuchen wir noch eine Art Diskothek, die in einem langgestreckten einstöckigen Haus untergebracht ist – Bandleader Vulture überlegt laut, ob die Band nicht diese Disko für nächstes Jahr mieten solle. Wir stehen im Hinterhof. Am Ende des knapp 40 auf 40 Quadratmeter großen Areals steht eine Bühne. Es ist etwas frisch, aber doch noch recht mild. Afrikanischer Winter, mit dem Vorteil, dass die Temperaturen am Tag im Rahmen des Erträglichen bleiben und dass es keine Regenzeit ist. Dann müssten wir uns der Mücken erwehren, Schwüle drückte sicher auf unsere Körper, die anderes Klima gewohnt sind.

Metal passiert im südlichen Afrika kontinuierlich, aber an wechselnden Orten. So kommt es, dass auf manchem Metalkonzert eine Reggaeband zum Zug kommt, weil der Besitzer des Soundsystems ein Rastafari ist. So kommt es, dass die Deutschland-Botswana-Metal-Kooperation im Schuppen von Magic Diau, einem Afro-Pop-Interpreten, proben kann. Er vermietet den Raum, um Geld für besseres Equipment zu sammeln. In Overthrust nimmt er etwas „Afrikanisches“ wahr, im Rhythmus sagt er. Aber was die Kooperation an diesem heißen Tag in Gaborone zimmert, das sei europäisch. Vielleicht weil Manuel immer wieder Blastbeats einlegt. – Was Diau sagt, erinnert mich an die theoretischen Einlassungen von Hunter Hunt-Hendrix von der US-Combo Liturgy. Im Rhythmus macht Hunt-Hendrix die verschiedenen Formen von Black Metal aus; Liturgy spielen laut eigener Aussage Transcendental Black Metal. Solche Theorie ist von der botswanischen Praxis weit entfernt. Die meisten Bands legen Wert auf eine Rock’n’Roll-Attitüde. Das heißt: Musik spielen und dabei besser werden. Es geht nicht allein um Musik. Der Lifestyle ist nicht minder wichtig. Botswana ist ein Sonderfall mit der Kostümierung zu Festivals und wichtigen Konzerten. (Bei dem Beat Club in Maun sah man nur einen etwas extravaganter gekleideten Zuschauer, Lederhose und -jacke.)
Wie eine Black Metal Theory auf die afrikanischen Verhältnisse angewandt werden könnte und ob überhaupt, dazu mache ich mir augenblicklich keine Gedanken. Für die Musiker in Afrika stellen sich andere Probleme. Edward Banchs beschreibt in seinem Buch Heavy Metal Africa die Probleme ausführlich. Botswana geht es da noch relativ gut.

Aktuell bearbeite ich die Feldaufnahmen: die Interviews – Proberaumaufnahmen – mündliches Tagebuch. Das wird noch etwas Zeit in Anspruch nehmen. Hier werden wohl Ausschnitte vorab veröffentlicht.

Proberaum

Gaborone Session Botswana September 2017

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