Kolonialismus aus Deutschland

Heute endet die Sonderausstellung zum Kolonialismus im Deutschen Historischen Museum zu Berlin.

Am 1. April besuchten wir die Ausstellung und nahmen an einer guided tour Teil. Es ist nicht einfach, über Kolonien und die Eroberung der Übersee-Territorien zu sprechen, ohne ins Klischee der Herrenmenschen und der beherrschten Sklaven zu verfallen. Das soll keineswegs die Unterdrückung und Ausbeutung schönreden. Schwieriger wird das noch, wenn es um fiktionale Darstellungen dieser Geschichte geht.

Auf die guided tour möchte ich gar nicht so sehr eingehen. Vielmehr schildere ich meine/ unseren Eindrücke. Es war ein lieber Mensch von und mit mir dort. Aber auch ohne sie wären die Signale angekommen, durch das Rauschen der Vergangenheit. Wenn man sich das vorstellt – dass irgendwo auf der Strecke vom 19. ins 20. Jahrhundert jemand den Verstärker so stark aufdreht, dass außer White Noise nichts zu hören ist. Warum heißt das Weiße Rauschen (also: White Noise) überhaupt so? Das wird mit der Vorstellung von „weiß“ als speziell im Raum verteilt zusammenhängen? Habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Als metapherologisches Modell eignet sich diese Vorstellung.
Weißer Lärm steht für Machtverhältnisse – wer bestimmt die Lautstärke, wer bestimmt die Zeit auf dem Wecker, wer trommelt zur Arbeit, wer ruft zur Schlacht, wer besitzt die Kanonen und wer unterdrückt letztlich? Diese Gedanken könnten auch eine Verknüpfung zur Popmusik herstellen. (Welche neo-kolonialen Machtstrukturen dort herrschen.)

Der Gedanke, nicht hinter anderen Imperien nachzustehen, veranlasst das deutsche Kaiserreich Territorien zu besetzen. Das ist nicht allein wegen industrieller Verwertung, wie als Rohstoffquelle etwa, sondern aus Machtdemonstrationszwecken. In Afrika trifft es u.a. das heutige Namibia, damals nannten es die Kolonisatoren Deutsch-Südwestafrika. Der Gedanke, auch einen Platz in der Sonne haben zu wollen und als Imperium ein Gebiet umfassen zu können, in dem die Sonne niemals untergeht, führt zur Einnahme vom Gebiet des heutigen Namibia wie auch der Südsee-Kolonie Samoa und der chinesischen Stadt Qingdao. In Afrika wurden noch Togo, Kamerun, Tansania, Burundi, Ruanda und Teile von Mosambik, Kenia und Teile der somalischen Küste annektiert.

Da in Südwestafrika andere Kolonialmächte wie England und Holland kein Interesse zeigten, wurde der Bremer Kaufmann Lüderitz tätig und schloß Kaufverträge mit verschiedenen Landbesitzern. Damit sollte das Übel beginnen, denn die Inanspruchnahme dieses Landes in Afrika erfolgte unter militärischer Beteiligung. Es sollte sich in den wenigen Jahren der Kolonialherrschaft Deutschlands zeigen, dass die Brutalität und Verachtung den Umgang mit den Menschen vor Ort prägte. Karte

Die geplante Ansiedelung von Landwirten aus dem Deutschen Reich und die „Urbachmachung“ des meist trockenen Landes verbindet sich mit der Überzeugung, Kultur in die Wildnis zu bringen. Ein Beispiel ist auch die Missionarstätigkeit, die von württembergischen Nonnen übernommen wird, wie ein eigenes Verständnis von Zivilisation importiert wird. In der Ausstellung beeindruckt ein kolonialer Schreibtisch aus schwerem Holz. Unweit des Tisches liegt Elfenbein. Die Wildnis bezähmt durch den weißen Mann, durch den preußischen Adel, durch die deutsche Militärdisziplin (und stets das kaufmännische Interesse; welchen Nutzen bringen Kolonien für das Imperium – neues Territorium, Ressourcen, Palmöl für die Menschen zu Hause im Reich).
Illuminierend in dieser Hinsicht sind die ausgestellten Postkarten mit Szenen aus dem „Alltagsleben“. Auch ein Angriff von Herero wird dargestellt. Die im kulturellen Vorzeichen der europäischen „Zivilisation“ vorangetriebene Ausbeutung oder zumindest ökonomischer Benachteiligung spitzt das Verhältnis zwischen den Einheimischen und den reichsdeutschen Offizieren zu. Es formt sich Widerstand.
Die Ausstellung in Berlin zeigt das Selbstverständnis der Kolonisatoren; aus dem preußischen Militäradel stammend, legten die Offiziere eine kulturelle Überlegenheit an den Tag. Manch einer der Statthalter betrieb Großwildjagd. An Ressourcen wurden Diamanten und Kupfer ausgebeutet, die einheimischen Arbeitskräfte mußten für Glanz & Gloria des Deutschen Reiches schuften.

Die Kuratoren im Dt. Historischen Museum arbeiten intermedial, was ja zum Standard gehört. Es macht sich beim Rundgang ein etwas mulmiges Gefühl breit. Ich fühle mich als ethnographischer Voyeur ertappt. In der Vitrine sind Fotos ausgestellt, die erwähnten Postkarten, Plakate, Karten, die berüchtigte Nilpferdpeitsche – was soll man in einem Museum anderes machen als zu schauen? Nun, etwas Interaktion wird auch integriert, die Schellackplatten, die Tonaufnahmen von verschiedenen non-europäischen Sprechern konservieren. Man hört bei diesen teilweise mit Musik untermalten Stimmen nicht die stellenweise erzwungenen Aufnahmen heraus.

Die Zusammensetzung der ethnographischen Sammlungen Europas wird erst seit kurzer Zeit problematisiert: Woher stammen die Exponate und wie wurden sie „eingesammelt“? Die (Re-) Präsentation der deutschen Kolonialgeschichte geschieht aus einer bestimmten Perspektive; der Blick auf die Welt, dass auf Karten Nordeuropa im Norden gezeigt wird, aber Nordafrika nicht, ist so tief in die Weltwahrnehmung imprägniert, dass sich davon zu lösen, schwer fällt. So lange die eigene Perspektive reflektiert und transparent gemacht wird, können sehr alte Machtverteilungsstrukturen etwas (im positiven Sinne) verschoben werden.

Die Sammelwut erstreckt sich nicht nur auf Jagdtrophäen oder exotisch gemachte Statuen oder „Stammesschmuck“, sondern bei den Weltausstellungen oder so genannten „Völkerschauen“ wurden Einwohner der Kolonien wie im Zoo gezeigt.
[NB: In der Charité-TV-Serie (ARD) sagt eine Krankenschwester beim Anblick einer indischen Frau, die an Pocken leidet: Ich habe solche gesehen, aber noch im Zoo. Doch nicht so! – „Doch nicht so!“ – In sicherem Abstand, zur Belustigung des Stadtpublikums. In der Charité waren wir an diesem 1. April-Samstag auch gewesen. Hier verknüpfen sich die gefährlichen Seiten der Anthropologie: medizinische Forschung an exotischen Schauobjekten und der Mißbrauch von ethnologischen Expeditionen zur Begründung der eigenen Dominanz.]
Wenn man Menschen aus den Kolonien in „Freakshows“ oder als Objekte zoologischen Interesses präsentiert, dann sagt das mehr als tausend Worte, welche Funktion diesen „Untertanen“ zugedacht wird.

Kriegsgefangene

Deutsch-Südwestafrika – Kriegsgefangene Nama und Herero, 1904 (© Bundesarchiv, Bild 146-2003-0005)

Dieses Denken wirkt bis heute in Teilen der Trash-Kultur nach. Die Ausstellung spart den Niederschlag kolonialen Denkens aus. Der Bezug zur Gegenwart sind bildliche Umsetzungen des kolonialen Nachwirkens (was wie ein Wettbewerb wirkte). Menschen von Heute werden z.B. inmitten von Möbeln im Kolonialstil fotografiert.
Zudem zeigt eine Karte die neo-kolonialen Verbindungen Deutschlands nach Afrika und Asien. Dort sind die Warenströme zu sehen, die Abhängigkeit mancher afrikanischen Länder vom Händler-Gutwillen der EU. Ein anderes Thema sind die noch andauernden Gespräche der Bundesregierung zur Verantwortung für den Genozid an den Herero und Nama. Die Ausstellung zeigt Protest-T-Shirts, die bei Demonstrationen im heutigen Namibia getragen werden. Auch werden Familiengeschichten von Menschen präsentiert, die zur Zeit des Kolonialismus nach Deutschland kamen und dort eine neue Heimat fanden. Die Auseinandersetzung mit dem andauernden Rassismus und den nicht zu leugnenden Fortschritten in seiner Bekämpfung, ist keine leichte und je individuell. Die Nachkommen dieser frühen Migranten haben sich für Interviews bereit gefunden. Dieser Teil der Ausstellung verspricht interessante Einblicke in fortdauernde Muster. Eine Person äußerte den Wunsch, ins UK zu emigrieren, da sie davon überzeugt sei, dort habe ihre Hautfarbe keine so große Bedeutung wie in Deutschland. An dieser Stelle fällt das ambivalente Performance-Projekt vom Autor und Enthüllungsjournalist Günter Wallraff ein, der sein Gesicht bemalte, um als ein Anderer in Deutschland zu reisen und Reaktionen hervorzurufen. Damit folgt er nur der alten Sichtweise, dass plakative Merkmale den Unterschied ausmachen, ja, er vertieft die Differenzen noch. Vielleicht dachte er: am eigenen Leib erfahren, und entfernte sich damit nur noch mehr vom Kern des Problems. Das Andere immer außen vor zu lassen. Auszuschließen, zu diskriminieren, kenntlich zu machen, Etikette zu drucken und auf die fremde Stirn heften.

Zurück zur Gegenwart:
Die Auswirkungen bis in die Gegenwart, auch im kulturell problematischen Sinne, werden leider in der Sonderausstellung nicht ausreichend berücksichtigt. Die Kolportage gängiger Klischees in Unterhaltungsliteratur hätten den Raum nochmals um mindestens zwei Zimmer erweitert. Aber das war wahrscheinlich nicht die Aufgabe der Ausstellung.
Warum z.B. Christian Kracht in seinem Roman Imperium (2012) Deutsch-Neuguinea behandelt, das als Sehnsuchtsort einen anderen Stellenwert eingenommen hat als die afrikanischen Kolonien des Deutschen Reiches, könnte mit der weitaus problematischeren Kolonialgeschichte in Namibia zu tun haben. Für ein romantisierendes Projekt zu Lebensreformern, die in der fernen Südsee ein paradiesisches Königsreich aufbauen, eignet sich dieser Teil der Imperialgeschichte weitaus besser.

… Fortsetzung folgt …
2. Teil: Niederschlag des Kolonialismus in der Popkultur

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