Still ist es.

Die Frau in Schwarz habe ich nicht mehr gesehen. Zu sehr sollt man nicht starren, dass sie nicht zurück starren. Es ist einfach still. Abgesehen von Kindern, die lauthals auf dem Fahrrad vorbei radeln. Die wenigen Pkws, die für Wochenendeinkäufe in die Stadt fahren. Hier ist auch Stadt, aber Suburbia am Samstagnachmittag. Keine Angst – die Rasenmäher schweigen. Es ist das perfekte Wochenende. Wären da nicht die nervigen Versuche, mich für Krankheitsvertretung zu gewinnen. Kollege hat Durchfall und Fieber. Das Wetter ist zu kalt für die Jahreszeit. Dieses feuchte Wehen, der Baum vor dem Schlafzimmer zittert mit seinem Blattwerk. Zu starker Wind, dann die hohe Luftfeuchtigkeit, bis ich ankomme, bin ich vollgeschwitzt. Das T-Shirt klebt am Oberkörper. Dieses Wochenende muss ich abschalten.

Na ganz perfekt war das Wochenende auch nicht. Am Morgen sehe ich beim Anziehen seltsame Punkte an meinen Oberschenkeln. Sind das die Einstiche vom Insulin? Aber ich spritze niemals an der Seite der Schenkel. Vielleicht ist das ein Ausschlag. Gestern bin ich in der Diesigkeit joggen gegangen. Die Atmosphäre reagierte mit meiner Intimhaut. Übernächtigung oder die Frühjahrsmüdigkeit. Ich stochere weiterhin in der Diagnose.

Hauptsache, es ist still. Der Kopfhörer mit dem Krach im Ohr ist schon genug. Ich bin wach, ich studiere die Medien. Aber was heißt das schon? Man sieht ja nur, was man vor die Augen bekommt. So eine Werbung im Briefkasten.
Die Kontinuitäten sind erschreckend: im Fernsehen taucht in einer Serie mit historischem Inhalt eine angefressen wirkende Dame auf. (Angefressen ist mir als Attribut spontan entfallen. Hermeneuto-Machine anwerfen!)

Alicia von Rittberg

Zur Dokumentation.

Ihr Name müßte für die Sendung gar nicht geändert werden: von Rittberg. Preußischer Adel? Sind sie nun also in den TV abgewandert, nachdem die Öde der norddeutschen Ebene unerträglich wurde? Moment, die Schauspielerin wurde in München geboren. Die Wanderung dauert schon an.

Die Charité als wichtiges Forschungsinstitut, als anatomische Lehranstalt, als Labor und Kuriositätenkabinett des Virchows.
Unheimlich ist dann schon das Miracoli-Glas, das wie ein Königszepter oder eine förmlich mißratene Handtasche die Dame von Rittberg schmückt. Muss man solch eine Tomatensauce kochen, dann den TV einschalten und eine Schädeloperation oder Präparation zum Exponat anschauen, dass der Effekt an- und durchkommt? Es gibt scheinbar keinen Zusammenhang. Es steht klein „Anzeige“ darüber. Und doch wird sich der Gestalter des Vordergrunds etwas gedacht haben? Oder sind unsere Hirne schon zerfressen vom vielen Input? Trash as trash can.

Für heute genügt es mir, dass es still rund um mich ist.

 

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