Präzisionswerk

Zur Dual-Firmengeschichte: Die Brüder Steidinger beginnen in Heimarbeit mit Schwarzwälder Uhren. Im 1. Stockwerk des Phono-Museums St. Georgen tritt man einer Fotografie vom Ende des 19. Jahrhunderts entgegen. Darauf zu sehen ist die Familie bei der Arbeit. Es entstehen Schwarzwälder Uhren. Das Laufwerk in einer Uhr ist ein Meisterwerk der Feinmechanik. In der Geschichte der Zeitmessung werden über die Jahrhunderte Verbesserungen eingefügt, die für die Käufer unbekannt sind. Für sie zählt allein: die Uhr muss funktionieren.

Die Steidinger-Brüder denken sich: die Grammophone werden entgegen Edisons Vorhersage in jede Stube einziehen. Wenn sie ihren Platz erstmal erobert haben, dann bleiben sie in den Stuben stehen. Die Sänger werden sich disziplinieren, die Musiker werden lernen, präzise die Stücke einzuspielen und die Vervielfältigung hat erst begonnen. Aber beinahe täglich kommen die Neuentwicklungen. Bald schon wird der Bedarf an abspielbaren Platten steigen.Die Grammophone bilden erst den Anfang. Und später dann sind sie sich gewiss: Lasst uns den Dual-Plattenspieler entwickeln. Lasst uns die Abspielgeräte stets verbessern. Unsere Technik liefert die Basis für jede Tonkunst. Uns muss der Inhalt nicht interessieren. Die Post transportiert auch jeden Brief und Paket. Unsere Spieler jede handelsübliche Platte.

Die Möglichkeit des Heimgenusses von Musik erweitert sich deutlich mit der Möglichkeit der Aufnahme. In Villiers de l’Isle-Adams Roman L’Éve Future (Die Eva der Zukunft) fragt sich Edison, warum nicht bereits in der Antike jemand auf die Idee gekommen sei, auf eine Metallfolie Schall aufzunehmen, also die Chance, Stimmen historischer Persönlichkeiten für die Nachwelt zu konservieren.
Dieser Gedanke begleitete die Frühzeit der Schallplattenaufnahme. So entstanden zum Beispiel Aufnahmen mit Kaiser Wilhelm II. Ein anderes Beispiel solchen Denkens ist die Aufzeichnung wichtiger Vorträge von Philosophen. Kürzlich erwarb ich mir Heideggers Essay „Die Kunst in Raum und Zeit“. Spartanisches Booklet bzw. es liegt keines bei. Bislang kam ich noch nicht zur Muße, Heideggers Text zu hören. Ich hoffe, dass es seine Stimme ist, die da spricht. Warum? Es gibt bereits Rezitationen von Hölderlin-Gedichten durch Heidegger. Eine singende Stimme, vielleicht auch bedingt durch seine Herkunft. Der Philosoph residierte eine ganze Zeitlang im Schwarzwald. Räumlich besitzt er also eine Nähe zum Dual-Thema. Das ist jedoch nicht der springende Punkt. Die Stimme des Philosophen kann etwas über die Wahrnehmung seiner Thesen verdeutlichen. Michael Hauskeller macht die Bedeutung der Töne bei Beobachtungen deutlich:

Wenn man z.B. die Gewohnheit hat, beim Joggen oder Autofahren Musik zu hören, wird man leicht die Erfahrung machen können, daß der Ausdruckscharakter der Umgebung in einem viel stärkeren Maße von der Musik beeinflußt wird, die man gerade hört, als von dem, was man zu sehen bekommt. Wenigstens in diesem Fall wäre dann die akustische Modalität gegenüber der optischen dominant. Die dem Laut solchermaßen innewohnende bewegende Kraft könnte auf eine allgemeine Dominanz der akustischen Modalität im atmosphärischen Raum hinweisen. Hinsichtlich der Ausdeutung der Wahrnehmungssituation wöge das Akustische dann stärker als das Optische. (S. 53)

Bezogen auf Dual heißt das, die Schallplatte und das Gerät, auf dessen Teller sie sich dreht, beeinflußt auch unsere Erinnerung, unser historisches Gedächtnis, unser autobiographisches Erlebnis. Damit ist nicht nur gemeint, dass ein über Jahre benutzter Plattenspieler einen ideellen Wert gewinnt. Die Prozesse, die beim Musikhören ablaufen, sind an die technologischen Voraussetzungen gebunden. Bevor es die Wachsplatten, die Schellacks, die Vinylplatten gab, wurden Musikstücke anders „abgespielt“? Der Besuch in der Oper mußte das Wohnzimmerlauschen ersetzen. Entsprechende Garderobe war nötig, der finanzielle Hintergrund mußte vorhanden sein – aber ich bin kein Experte, was Opernhäuser und die Operwerke angeht. Nur so viel: das Hören fand in Gemeinschaft – wie auf einem Konzert – statt. Es entsteht eine Raumatmosphäre im Verlauf der Zeit. Bedingt sicher durch alle Teilnehmer an der Aufführung. Zuhause schaut das schon anders aus: die Platte legt der Hörer auf den Spieler, die Musik kann er wohl auch im Kreis der Freunde, Bekannten, Kollegen und Familie hören. Genauso gut allein. Hört er sie allein, dann möglich zur Unterhaltung, doch zur Erkenntnis auch. Verstehender Musikkonsum. Dieses Wissen ist zunächst ein persönliches, das zu einer gemeinsamen Erfahrung führen kann. Nehmen wir an: in einem gesellschaftlich wichtigen Jahr wie dem Jahr der Mondlandung hörten 1.000e von Menschen eine Platte. Vielleicht hatten sie das TV-Gerät auf stumm geschaltet, im Hintergrund lief die Schallplatte. Als der erste Mensch seinen Fuß auf den Erdtrabanten setzte, da setzte der Beat des neuen Stücks auf der Platte an. Musik und Astronautenbeobachtung verschmolzen zu einem Moment auf unserem Planeten.

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Bildzitat im wissenschaftlichen Text.

Jetzt ist es sicher weit her geholt, das Präzisionswerk der Rotation mit der technischen Hochleistung eines Mondgefährts zu vergleichen. Vielleicht doch nicht? Die Techniker sitzen an dem Problem, der Zielsetzung und verbessern allmählich die Mechanik und Elektronik. Sowohl die Mondlandung wie auch das Hören der Schallplatte im Wohnzimmer und das übertragende Fernsehgerät ermöglichen die Erfahrung. Alle beteiligten Techniken und Medien garantieren den Konsum eines Ereignisses. Durch die Aufnahme ist dieses jedoch beliebig wiederholbar. Die Fernsehübertragung der Mondlandung ist erneut abspielbar, genauso wie die Schallplatte wieder aufgelegt werden kann.
Das Präzisionswerk betrifft dann ebenso die Wiedergabemöglichkeiten. Oder anders gesagt: durch die Feinmechanik, später durch das digitale System wird es möglich, ein kulturelles, aber auch historisches Ereignis nicht nur live zu erleben, sondern zu jedem Zeitpunkt und jedem Ort abzuspielen – ein Stromanschluss vorausgesetzt.

… Wird fortgesetzt …

 

 

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