Spekulative Fiktion

Der alte Zwist, ob Science Fiction als Wissenschaft oder Unterhaltung oder aber als wissende Unterhaltung gelesen werden könnte, tanzt weiterhin auf Hochzeiten, wenn vielleicht nicht auf den größten. Der Gedanke hinter Speculative Fiction ist der, dass in der Handlung oder mehr noch in der Handlungs-Theorie-Mischung auf gegenwärtige und zukünftige Probleme verwiesen wird.

Problem heißt nun aber nicht, dass es mit dem allgemein bekannten Etikett

Problemfilm

zu tun hätte.

Speculative Fiction umfaßt eine Fülle an Büchern. Sie drückt sich in Romanen, Erzählungen, Kurz- und Sachprosa, Journalismus aus. Sie könnte inzwischen mit einer Strömung verbunden werden. Eine Strömung kann Hochwasser führen, sich also neue Wege und Kanäle bahnen. Die Gefahr der Überflutung besteht. Dieses Projekt setzt sich als Ziel, die Fülle an Speculative Fiction in Stichproben zu sichten – für das eigene Schreiben zu lernen. Denn

ich bewege mich zur Spekulation, um durch das Feedback auf die Gegenwart zurückgeworfen zu werden.

Verstärker sind, in Anlehnung an Friedrich Kittler, wesentliche Momente der Speculative Fiction. Man könnte es mit Drastik umschreiben, mit Hyperbolik, mit einer Ästhetik der Extreme. Mit manifestartigen Urteilen sollte man vorsichtig sein – wer sagt denn, dass spekulative Fiction unter einen Sammelbegriff gefaßt werden kann? Spekulation im positiven Sinne findet man sicher auch in anderer Literatur. Speculative Fiction wird als ein „neutraler“ Begriff für Science Fiction auch gebraucht. Oder auch für Literatur, die zwischen den Stühlen sitzt. (Was ziemlich unbequem scheint.) Die Frage ist, warum „Spekulation“ einen schlechten Klang in der Geschichte besitzt? Im Finanzwesen verbreitet der Name „Spekulation“ das Spiel mit dem Feuer. Vertrauen wurde mißbraucht, es wurden Fakten präsentiert, die jedoch nicht solide waren. Finanzielle „Spekulation“ bezieht sich genau wie Spekulation in der Fiktion auf die Zukunft. Versprechen werden gegeben. Hohe Rendite, sichere Anlage und so weiter.
In der Literatur aber bezeichnet das Spekulative den Spielraum der Komposition und Konstruktion. Vielleicht paßt das Label deshalb so gut zur Science Fiction. Komposition bezeichnet die Ordnung der Ideen, wie sie mit einer Handlungsabfolge kurzgeschlossen wird. Konstruktion dann eher der Entwurf der technologischen Geräte und die Generalstruktur. Als ob man einen Roman wie ein technisches Blueprint schreiben könnte.

Hier soll Fichte stehen!

Hubert Fichte liest im Star Club HH, 2. Oktober ’66, Videostill NDR

Durch die Hintertür vergrößert sich die Gefahr, Speculative Fiction besonders spekulativ zu beschreiben. Klar ist, dass es sich hierbei nicht um eine literaturwissenschaftliche Arbeit handeln kann. Der Sprachduktus erinnert an Akademisches. Das heißt nicht, dass es sich hier nicht um eine Anthropologie handelt, wie Hubert Fichte sie in seinen „Romanen“ praktitzierte.

Er reist nach Brasilien, macht sich auf die Suche nach Praxis und Personen der afroamerikanischen Religionen, kommt ins Gespräch mit ihnen, mehr noch: lässt sich integrieren, schluckt selbst die fraglichen Stoffe und durch diese Selbsterfahrung wie auch über das Schreiben generiert er Wissen (und Unterhaltung). Die Spekulation wäre hier also in der Textproduktion verankert. Denn

Probleme der Darstellung, der Repräsentation wurden immer wichtiger, als Ethnologen selbstkritisch erkannten, daß sie keine transparenten Medien und objektiven Chronisten der Kulturen waren, die sie erforschten, sondern ihren eigenen Anteil an der Beschreibung zur Geltung brachten und ihre Bücher als fiktive Konstruktionen verstanden.
(Aleida Assmann: Neuerfindungen des Menschen. Literarische Anthropologien im 20. Jahrhundert. In: Positionen der Kulturanthropologie, Ffm 2004, S. 90-117, hier: S. 113.)

„Probleme der Darstellung“ werden an Bedeutung zunehmen. Dieser Prozess ist längst im Gange. Damit meine ich nicht unbedingt oder exklusiv Postmodernismen oder andere Post-Zustellungs-Probleme. Die Frage, wer welche Wissenschaft lesen wird. Anders noch: Wer die Zeit und Lust mitbringt, einen Sonntag dafür zu „opfern“, verlangt dieser Mensch nach einem kalkulierbaren Erkenntnisgewinn? Gibt es das freie Flanieren noch? Den Müßiggang?

Die erdrückende Masse an Erzeugnissen fordert einen Plan. Stadt-, Fahr- oder Masterplan. Die Vergangenheit liefert uns die Haufen und Stapel, die Gegenwart den Atem für den Möglichkeitsraum der Zukunft.
Spekulation kann helfen,  Hoffnung auf ein zufriedenes Leben wahrscheinlicher zu machen.

 

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