Gedanken zu Science Fiction

Durch das Kino ist die Science Fiction zu einem  massentauglichen Frühwarnsystem geworden. Katastrophenfilme haben Konjunktur. Die Berlinale hat kürzlich noch eine Retrospektive gezeigt. Also einen Rückblick in die Zukunft. Eine Zeitkrümmung, die sonst nur in den Weiten des Seifen-Alls möglich zu sein scheint, ereignet sich in der historischen Betrachtung des Films.

Im Bertz+Fischer Verlag aus Berlin sind Anfang des Jahres 3 Bücher zum Thema erschienen. SF gilt als Gesellschaftsentwurf, als Zukunftsprognose, als Überzeichnung. So stellt zum Beispiel der Band future imperfect. science fiction film eine gewisse dystopische Tendenz in den Filmen fest. Eine gewisse Gefahr geht von den SF-Filmen beinahe immer aus. Sie überspitzen bereits denkbare technischen Entwicklungen oder aber Vorstellungen von menschlichem Zusammenleben in eine mehr oder minder vorausliegende Zukunft. Zeitlose Formen hierfür zu finden, also: Architektur, Kleidung und Benutzeroberflächen, die auch in 20 Jahren noch als „Zukunft“ angesehen werden können, ist dabei die eigentliche Herausforderung.

Oder aber wir kehren einfach um, was SF-Prosa ausmachen soll: die Projektion der Gegenwart in die Zukunft. Was heißt das?
Die Probleme, die sich heute schon abzeichnen, werden vergrößert und im Detail erforscht. Beliebt mittlerweile in der schönen Literatur sind Endzeitlandschaften, in denen vereinzelte Menschen existentiellen Fragen gegenüber stehen. Wie lebt es sich in der Katastrophe?

Die Gemeinsamkeit ermöglicht ein erstes Überleben. Wenn nun aber die Nahrungsmittel knapp sind, wie überlebt dann eine Gruppe von 20 Menschen im Mietshaus? Solche Planfragen und -spiele lassen sich bereits in Übungen heute umsetzen. Für den Ernstfall wird geübt. Die desolaten Orte lenken nicht ab; wer denkt bei einer Bleiwüste unter einer Smogwolke schon daran, die Aussicht zu genießen. Die Perspektive wird auf die Protagonisten zurückgeworfen – in einer Art inneren Raum setzen sie sich mit dem Ende der Menschheit auseinander. Sicher setzt das kapitalintensive Kino auf spektakuläre Effekte. Aber das löst sich je nach Geschmack auf. Die Herausforderung, mit Science Fiction-Texten neues Terrain zu begehen, beschritt in den 1960ern das Zwischenmenschliche, das Soziale, die Bewusstseinsräume, die mit oder ohne Drogen geöffnet wurden.

Spätestens mit dem Erfolg des Ridley-Scott-Films Der Marsianer (nach dem Buch von Andy Weir) geht das Interesse am Weltraum wieder nach draußen. National Geographic produzierte letztes Jahr eine TV-Serie, die halb-dokumentarisch, halb-fiktional eine 1. Mars-Mission ins Jahr 2033 setzt.

Das wäre eine Hypothese, die noch etwas Forschung benötigte: die SF-Literatur krümmt sich zeitlich zurück in die Fünfziger, als der Wettlauf um das Weltall begann. Der Kalte Krieg befeuerte das Bestreben. Nun redet man von einer Rückkehr des Kalten Kriegs; kehrt damit auch das Weltfahrtprogramm zu fernen Planeten zurück? Zumindest in der TV-Reihe „Mars“ teilen sich US-amerikanische Astronauten und russische Kosmonauten den Platz im Raumschiff auf dem Weg zum roten Planeten. Kommt der neue Gegner aus China, mit dem sich die USA und Russland in den Wettlauf um die Erschließung des Mars begeben? Nein, in einer späteren Folge wird deutlich: auch China ist Mitglied des internationalen Boards, das die Mars-Mission im Jahr 2033 begleitet.
Die Mission zum Mars soll, so der Tenor, der ganzen Menschheit eine neue Zivilisation eröffnen. Große Worte. Rechnet man den Pathos heraus, so bleibt die Frage nach der technologischen Chance, eine solche Mission erfolgreich durchzuführen. …

Es mehren sich auch die kritischen Gedanken, ob es nicht notwendiger sei, die Erde ökologisch zu sanieren, um für die menschliche Zukunft Freiräume zu schaffen – bevor die Luft zum Atmen zu knapp wird. Zu dem Thema findet man auch entsprechend Filme: prominent z.B. Soylent Green (1973). Die Knappheit der Ressourcen, die Erhitzung des Kalten Krieges zum Nuklearweltkrieg, das postapokalyptische Überleben – all das überzeichnet die bereits feststellbaren Umweltmängel. In der Science Fiction scheinen die Folgen unserer Gegenwart auf. Im aktuellen Buch Future Worlds. Science Fiction Film (Berlin 2017) nimmt sich Christine Cornea diesem postapokalyptischem Umweltschutz an. Wenn es eigentlich schon zu spät ist. Aber die SF projiziert das ja zunächst in die Zukunft. Heißt: Es ist noch nicht so weit! Es besteht noch eine Chance.

Mit diesem Ausblick möchte ich hier schließen: es ist nicht alles verloren. Es wird gerne überzeichnet. Darunter schimmert die letzte Energiesparlampe.

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